Moers – Stadt mit ohne Perspektive ?

Wenn etwas in Moers passiert – wann immer etwas passiert – man wird das Gefühl nicht los, eine geschlossene Vorstellung wie die Stadt sich in Zukunft entwickeln soll, ist in weiten Teilen nicht vorhanden. Ich verfolge nun schon seit mehr als 30 Jahren intensiv die Entwicklung dieses, ehemals beschaulich kleinen, Städtchens und mir wird der Verlust an urbaner Qualität, also an Lebensqualität, schmerzlich immer bewusster. Aus alten Leserbriefen, Zeitungsartikeln und anderen Beiträgen versuche ich hier einmal ein Bild der letzten Jahrzehnte nachzuzeichnen. Vielleicht gelingt es mir ja auch, einige mögliche Perspektiven aufzuzeigen.

Ich beginne mit einem Zeitungsbeitrag aus dem Jahr 1997, den die sehr engagierte Journalistin Irmgard Bernrieder in der Rheinischen Post veröffentlicht hat. Sie bezieht sich dabei auf die kurz zuvor stattgefundene „Zukunftswerkstatt“

Visionen der Zukunftsforscher: Mehr Kommunikation ersehnt

Im Jahr 2017 ist die Grafenstadt Neu-Venedig

MOERS. Alle Macht und alle Zeit stand den Träumern der Zukunfts­werkstatt in der Phantasiephase zur Verfügung. „Überlegen Sie nicht so­viel, lassen sie ihre Ideen spontan heraus!“ hatte Renate Kerbst ihre Schützlinge ermuntert. In dem Spiel der Phantasie sollte jede Gruppe zehn Potentiale aus dem heutigen Moers wählen. Dann nahm die Moderatorin alle mit auf eine Reise in das Moers des Jahres 2017. Ihre Frage: „Wie sieht Moers dann aus, wenn es sich nach Ihren Vorstellungen entwickelt hat?“

Erstaunliche Ergebnisse

Nun gab es kein Halten mehr. Au­gen leuchteten, Gesichtern röteten sieh, die Zahl der bunten Zettel an der Pinnwand wuchs. Die anschlie­ßende Präsentation zeigte, was die Zukunftsforscher Erstaunliches zu Tage gefördert hatten.

Da rankte eine Gruppe um „Die Bedeutung des Kaffees für den Ge­meinsein“ ein Plädoyer für eine neue Lebensqualität, versinnbildlicht in der Kneipe an der Ecke: größer als das eigene Wohnzimmer aber kleiner

als die ganze Stadt. Zu diesem Wunschtraum vom idealen Zusam­menleben gehörte die Verfügbarkeit von Ressourcen und Kompetenzen in den einzelnen Stadtteilen.

„Die Geschichte von der Acker­scholle“ erzählte das zweite Team. Ihm ging es um ein Recycling des Vorhandenen. Nicht sendungsbewußt sondern empfangsbewußt sind die Moerser in dieser Vision. Ihre Stadt ist kunterbunt, das Fahrrad ihr Sym­bol und „Komm mit ins Abenteuer­land“ ihre Hymne. Parteien gibt es nicht mehr, ein Bürgerrat regelt die Geschäfte. Alle 20 Jahre beschließen alle Moerser, was veraltet ist und von einer Riesenkehrmaschine wegge­räumt wird.

Einen Zaubercocktail stellte die dritte Gruppe vor, und die vierte Gruppe erzählte von einem Zauber­stein, der nur dann wirkt, wenn alle daran glauben. Die B-Besoldung un­serer Tage ließ die fünfte Arbeits­gruppe ablösen von einem Klingel­beutel-System: Ihre Phantasie hatte die erste Moerser Stadtwoche hervor­gebracht. Zu ihrer Eröffnung auf dem Kastellplatz ist ganz Moers auf den

Beinen. Der Bürgermeister hält sei­nen Rechenschaftsbericht, und die Bürger entscheiden mit ihrer Stimm­abgabe direkt, ob sie ihn weiter im Amt sehen wollen und entlohnen, oder ob er gehen muß und für schlechte Arbeit auch keinen Lohn erhält. Die Leitidee: Politik muß di­rekt, transparent und attraktiv sein.

Skizze Kastellplatz, Hansfried Münchbergh, spontan während der Zukunftswerkstatt entstanden

Lebensschule

In ihrer Vision von Neu-Venedig knüpfte die sechste Arbeitsgruppe auch an Moerser Gegebenheiten an. Die Wallanlage mit ihren Wassergrä­ben ist in ihrer ursprünglichen Form wiederhergetellt werden, das Park­deck am Königlichen See entfernt, das Wallzentrum abgerissen. Der Neumarkt ist geflutet und der Moers-bach bis zum Bettenkamper Meer ausgebaut worden. Städtische Plätze wie der Kastellplatz sind in ihre alte Funktion als Orte der Kommunika­tion zurückgebaut worden. Auch an den Lebensbedingungen hat sich vie­les verbessert. So greifen Schule und Leben ineinander, das Lernen ist nie abgeschlossen, und jeder kann mehr als ein Berufsbild kennenlernen.

UNSERE MEINUNG

Wenn Flügel wachsen

Die Lähmung der Kommu­nalpolitik durch festge­fahrene Arbeits- und Denk­strukturen wie auch durch mangelnde Finanzen rief jetzt verantwortliche Bürger auf den Plan, die den drohenden Verlust an sozialer Vielfalt und Lebensqualität in ihrer Heimatstadt nicht stillschwei­gend hinnehmen wollen. Neue Problemstellungen erfordern unorthodoxe   Lösungswege, und so bot die Zukunftswerk­statt ein ideales Spielfeld für die Phantasien von Menschen aus den unterschiedlichsten Lebens- und Berufszusam­menhängen. Das erste Treffen dieser Art in Moers verlief er­folgreich, in Bälde will man wieder   zusammenkommen, um konkrete Projektansätze aus den Zukunftsvisionen ab­zuleiten. Später soll der Teil­nehmerkreis geöffnet werden. Am Erstaunlichsten für alle Beteiligten dürfte sicherlich gewesen sein, wie im Aus­tausch der Wünsche und Träu­me den Gedanken unversehens Flügel wuchsen,        -ibe-