Orsoy 650 Jahrfeier im Juli 1935

SONNTAG, 7. JULI 1935

KöLNISCHE ZEITUNG

650 JAHRE  (740 Jahre im Jahr 2025)

von Wernher Witthaus

1285 wird Orsoy zum erstenmal als Stadt erwähnt. Es war bereits damals ganz oder teilweise mit einer Mauer umgeben. So erscheint es schon früh als mittelalterliche Festung. Von dieser sind noch sehr bedeutende Teile erhalten, und weitere sind durch Nachforschungen bekannt geworden.“

Aus dem Jahr1285 stammt auch das älteste Siegel. Es zeigt drei Pferdeköpfe (der Name Orsoy— Horst, Aue— leitet sich von Pferden. vielleicht von einer Wildbahn ab) und eine Torburg. Befestigt war Orsoy jedenfalls durch Mauern, Gräben und Türme.

Studienrat Ottsen der unermüdliche und kenntnisreiche Forscher, schreibt, daß die alte Stadt alles in allem etwa zwanzig Türme gehabt habe. Orsoys Bedeutung ergibt sich aus seiner Lage und der politischen Landkarte. Es war ein Eckposten des Herzogtums Kleve. Das benachbarte Rheinberg gehörte Kurköln.

Das Schicksal Orsoys ist und bleibt der Rhein. Er schreibt auch die Form der Befestigung vor, und der Kampf um den Strom hat Orsoy manches bittere Erlebnis gebracht.

Ludwig XIV. beschäftigte sich hartnäckig mit dem niederrheinischen Orsoy. Nach der Einnahme der Stadt wurden im Juni 1672 Schloß und Festung auf seinen Befehl geschleift.

Das Schloß, am Rhein gelegen, war ein Werk der Herzöge von Kleve gewesen. Bei der Festung handelte es sich nicht mehr um die mittelalterliche, sondern um eine für die damalige Zeit moderne Anlage nach niederländischer Art mit Wällen, Bollwerken und Wallgräben.

Ludwig XIV. hatte 100000 Mann aufgeboten, um gleichzeitig Orsoy, Rheinberg, Büderich und Wesel anzugreifen. Die Übergabe der Festung Orsoy war nicht rühmlich. Aber man muß bedenken, daß die Besatzung im Vergleich zu dem feindlichen Ansturm schwach war. Orsoy hatte sich verschiedentlich um eine Verstärkung der Festungsanlagen bemüht. Bei dieser neuen niederländischen Festung spielte wiederum das Wasser eine wichtige Rolle. In den Gräben lagen noch kleine befestigte Inseln. Das Verteidigungssystem war weiterhin über die Gräben hinaus in das Land vorgetragen. Mit Recht wird darauf hingewiesen, daß Zons wohl die besterhaltene mittelalterliche Befestigung besitze, daß sich aber keine andre Stadt dicht am Niederrhein mit Orsoy vergleichen könne, soweit es eine niederländische Verteidigung angeht. Wir wollen das mittelalterliche Orsoy nicht unterschätzen— es sind zum Beispiel Steinkugeln gefunden worden von Zentnergewicht, die offenbar gelegentlich gegen die mittelalterliche Festung geschleudert wurden; die niederländische Befestigung hat der Grundfigur der ganzen Stadt eine Umrahmung verliehen, die sich heute noch deutlich abhebt.

Stadtansicht

Die Wälle der niederländischen Befestigung mit den im Umriß gleichfalls erhaltenen Bastionen legen sich als Fünfeck um das viereckige, geradlinig aufgeteilte Stadtgebilde. Betrachtet man Orsoy vom Flugzeug aus und hat man einen Blick für Landschaf und Siedlung, dann geht einem das Herz auf. Die„Figur“ dieser Stadt ist wundervoll klar und einleuchtend. Zwei Hauptstraßen, kreuz und quer, durchschneiden das Viereck. Als Orsoy nach niederländischer Art mit Hilfe des Wassers stark befestigt war, gab es freilich nur einen Zugang, und zwar durch das Kuhtor, das heute noch steht. Wahrscheinlich wird man an den drei andern Straßenausläufen einen Fährbetrieb unterhalten haben, vor allem selbstverständlich am Rheintor, das nach einem verheerenden Stadtbrand ohne zwingenden Grund abgerissen worden ist.

Jeder, der einmal mit dem Dampfer eine Niederrheinfahrt unternommen hat, kennt die Rheinansicht von Orsoy mit dem weiß getünchten Zollhaus, den hohen Bäumen und dem stillen Sporthafen. Aber woher man auch immer sich naht, es bietet sich ein ähnliches Bild. Die Wälle liegen da, die zur Promenade einladen. Und neben dem Grün erfreut uns das Wasser, das heute als Rest der alten Wallgräben (Kuhteich) sanft von der fruchtbaren Landschaft umfangen ist.

Unsre Zeit ist hastig .Sie hat gegenüber Orsoy, jenseits des Rheins, mit Zechen und Brücken sich phantastisch eingezeichnet. Wenn einer, der wie wir alle dieser Zeit zu gehorchen hat der Ruhe und der Konzentration bedarf, so mag er nach Orsoy gehen. Es ist dort im Spiegel von Natur und Menschenwerk, im Gegensätzlichen eine hinreißende Klarheit und Ruhe, und es ersteht eindringlich vor uns das Schicksal einer Landschaft, die in der ganzen Welt ihre Geltung besitzt. Die Wälle sind und bleiben das Geschmeide der Stadt. Die Gräben verlandeten. Nun senken sich die Gärten in die sanfte Niederung hinein. Und dann liegt in einer Weite und Breite das niederrheinische Land da, von Gottes Hand bewegt.

Grundriß der Stadt und Festung Orsoy nach einer alten Originalzeichnung, vervielfältigt vom Reichsamt für Landesaufnahme, Berlin 1935

Stadt der Farbe

Das Lob, daß Orsoy eine Stadt des Grüns ist, darf es beiläufig hinnehmen. Die Landschaft wächst ja in dieses Gebilde hinein, das sich durch Jahrhunderte kaum veränderte. Aus der Verbundenheit von Architektur, Strom und Land vollendete sich in Orsoy eine Anschauung, die wohl zu rühmen ist. In den Straßen und Gassen der eigentlichen Stadt gibt es verhältnismäßig wenig Lücken, störende Eingriffe. Und von den wenigen Unterbrechungen wurden etliche jetzt, da es das Fest zu feiern gilt, in einem Siegeszug der Farbe ausgeschaltet.

Dieses Kapitel ist wert, daß man sich damit beschäftigt. Orsoy hat Mustergültiges geschafft. Was wir bei der Betrachtung andrer Gemeinden in der Kölnischen Zeitung immer wieder als das zu Erstrebende anregten, ist hier erfüllt und noch dazu aus eigner Kraft. Orsoy geht es wirtschaftlich nicht gut. Aber der Bann ist gebrochen. Das Jubiläum kommt gewiß ein wenig zu Hilfe. Doch ist die gesamte Bürgerschaft eine Gemeinschaft von guten Geistern. Männer wie Studienrat Ottsen, der zum Fest einen vorzüglichen Band Alt-Orsoy im Selbstverlag herausgebracht hat, sind Treuhänder der Tradition. An der Spitze steht Bürgermeister Stienem, der in die bunte Stadt verliebt ist, nicht etwa wegen eines werbenden Schlagworts; die Tatkraft eines schöpferischen Mannes übersetzt trotz den verschiedensten Schwierigkeiten und trotz der Armut das für richtig Befundene kühn in die Wirklichkeit. Das Geld liegt in Orsoy wahrhaftig nicht auf der Straße. Aber man verfügt über die Stiftung einer hochherzigen Frau Christine Bürger; sie ist begütert in Amerika gestorben, und die Gelder werden den Einwohnern zinslos, dem Vermächtnis entsprechend, geliehen. Die Bürger helfen auch noch von sich aus, und so bietet sich Orsoy als die sauberste und lustigste Stadt im allerschönsten Einklang dar. Griesgrämige Zeitgenossen meckern etwas über das farbige Spiel. Wir indes möchten das gegenwärtige Orsoy und davon als den besten Ausschnitt die Turmstraße als ein tapferes und vorbildliches Ergebnis loben. Hier hat der Geschmack des Volkes unter der Aufsicht eines verständigen und gut beratenen Bürgermeisters sich frei auswirken können, und der Erfolg ist einwandfrei. Der Bürgermeister will mit der Anwendung der Farbe Orsoy restlos erfassen. Er läßt nebenbei eine der Hauptstraßen mit Weiß- und Rotdorn besetzen. Kurz, er pflegt das Kleinod. Was außerhalb der alten Stadt geschieht, bedarf allerdings nicht weniger der Betreuung.

Land und Leute

Es türmt sich jenseits der Wälle so leicht ein Baukasten auf, der den Einklang von Stadt und Landschaft verdirbt. Im allgemeinen ist Orsoy in seinem Geviert geblieben. Es bietet tausend kostbare Einzelheiten. Selbst in der neuen katholischen Pfarrkirche— die evangelische Pfarrkirche stammt aus dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert—finden sich erlesene Kunstwerke. Die Menschen sind hier offen, vertrauensselig.

Wovon leben sie? Orsoy hatte Seidenspinnereien (es wurde sogar dort einmal eine Raupe gezüchtet), Leinenwebereien, Korbflechterei und Brennereien. Eine Brennerei besteht noch; der Orsoyer Genever hatte es in sich. Orsoy lebte auch von der Treidelschiffahrt und von der Fischerei. Heute gibt es einige Tabakfabriken. Es sind auch noch mitten in der Stadt ein paar alte Höfe vorhanden. Die rechtsrheinische Industrie versorgt etliche Bürger mit Arbeit. Doch die Erwerbslosigkeit ist nicht gering. Die Lösung heißt auch in Orsoy: Fremdenverkehr. Etwa auf zweihundert Einwohner kommt ein Gasthaus. Da muß also schon Hilfe von auswärts kommen.

Wenn wir nicht irren, sind elf Gaststätten vorhanden. Davon dürften einige mit Garten und Saal ein Fassungsvermögen haben, das für ganz Orsoy samt Säuglingen und Greisen mehr als genügt. Dem Notstand und gleichfalls der Anmut dieses Städtchens entsprechend, erscheinen denn auch die„Fremden“ zahlreich aus der nähern und weitern Nachbarschaft.

Das Ansehen Orsoys ergibt sich aus der Veranstaltungsfolge der Festwoche. Es treffen sich Sänger, Schützen, Turner, die Innungen des Kreises. Beamte, Frauenschaft, Bürgermeister und Bauernhalten ihre Tagungen ab. Der Landesbauernführer Freiherr von Eltz-Rübenach wird sprechen. Die alten Krieger geben sich ein Stelldichein usw.

Die landschaftliche Einordnung Orsoys ist fesselnd. Ein uralter Rheinübergang bestimmt

diesen Punkt. Orsoy ist also eine der ältesten Siedlungen in der Runde. Der Wanderer wird sich leicht von dem Wechsel überzeugen können, der sich hier zwischen der aluvialen Rheinaue und der diluvialen sogenannten Niederterrasse vollzieht. Er findet dicht bei Orsoy eine Kette von Rheindünen, von sandigen Erhöhungen, die aus alten Rheinbetten angeweht sind. Noch einmal: die Figur Orsoys ist höchst überzeugend.

Der Rhein und der„Fliegende Moerser“.

Der Rhein war in dieser Gegend, die man zum alten Deltagebiet rechnen muß, launenhaft. Er hat seinen Lauf oft verändert, ein Dorf sogar verschlungen. Orsoy aber blieb immer am Rhein. Vielleicht lag es früher rechtsrheinisch. Wahrscheinlich war es einmal eine Insel. In Orsoy hat ein Kaiserhof bestanden (das Land, das aus dem wechselnden Geäder des Stroms auftauchte, gehört ein seltsamen Spiel der Natur dem Kaiser). Später war Orsoy Zollstätte, woran noch das alte Zollhaus am Rhein erinnert, neben dem sich sehr entschieden das Postamt aufgebaut hat. Unausmerzbar aus dieser Landschaft sind, sosehr sich auch die Rheinstrombauverwaltung bemühen mag, die alten Rheinarme.

Preußen hat im 18. Jahrhundert mit der ihm eignen Entschlossenheit eingreifen wollen. Damals war Rheinberg durch ein altes Rheinbett noch mit dem Strom verbunden. Der Staat wollte kurzerhand bei Rheinberg durch Jenneckes Gatt(Gatt heißt Straße), also durch den alten Rheinarm, einen Damm ziehen, was zur Verlandung und damit zu Landgewinn geführt hätte, den Rheinbergern aber höchst unwillkommen war. Auseinandersetzungen blieben nicht aus. Heute noch sind die Besitzverhältnisse kurios. Das Gelände, das Rheinberg vom Rhein trennt, gehört zur Bürgermeisterei Orsoy – Land. Und noch eine Sonderbarkeit: ganz dicht bei Orsoy mündet der Lohbach. Diese natürliche Linie ist eine kommunalpolitische Grenze. Wenn z. B. jemand ungefähr vor Orsoy im guten Glauben an die Zuständigkeit der Stadt Orsoy ertrinkt, ist die Polizei des benachbarten Repelen-Baerl zu alarmieren.

Der Rhein ist nun in leidlich festen Banden. Bei Überschwemmungen freilich umspült er sein

geliebtes Orsoy heftig. Mit der Schiffahrt aber ist es für Orsoy schlecht bestellt, abgesehen davon, daß die Personendampfer die Ausflügler herantragen. Für die Zeche Friedrich-Heinrich besorgt bei Orsoy der Kreis Moers die Verladung. Gegenüber aus dem rechten Rheinufer wird ein Hafen ausgebaggert für die Gewerkschaft Walsum, wie es heißt die größte Doppelschachtanlage Europas Der Wechsel von Industrie und Landschaft ist wirklich grandios. Städtebau und Landesplanung haben hier eine gewaltige, nicht nur den Niederrhein, vielmehr das gesamte Industriegebiet berührende Aufgabe auf weite Sicht zu lösen. Dabei hat Orsoy kraft seiner Eigenart und seiner Vergangenheit den Anspruch, im Rahmen der weiten niederrheinischen Landschaft voll und ganz erhalten und beschäftigt zu werden. Es geht nicht an, daß ein so tapferes, ehrwürdiges und liebenswertes Städtchen wieder zum Notstandsgebiet verschlagen würde. Man muß den Fall auch einmal vom Standpunkt der Leistung aus betrachten. Orsoy hat dem Schicksal zum Trotz immer wieder mit Leistungen aufgewartet. Heute steht es da in einem Kleid, um das es von mancher reichen Stadt beneidet werden dürfte. Und was hat man diesem Orsoy nicht alles entwunden! Nehmen wir nur die Fischerei. Ist glücklich einmal ein Fisch gefangen, so kann es geschehen, daß er schon in der Bratpfanne nach Abwässern duftet. Außerdem sind die Fische im Vergleich zu frühern Zeiten mager geworden ,zum Teil sogar verkrüppelt.

In der Festwoche (6. bis 14. Juli) wird das25jährige Bestehen der Kreisbahn Moers—Orsoy—Rheinberg gefeiert. Wer das Vergnügen hat, von Moers aus durch einen Triebwagen der Kreisbahn nach Orsoy befördert zu werden und dabei die Landschaft, die Folge von Zeche, Dünen und grünen Wiesen mit schwarz-weißen Kühen gemächlich zu erleben, außerdem auch noch das gefällige Gefährt auf Herz und Nieren zu prüfen, wird feststellen, daß der Moerser Wagen dem Fliegenden Kölner im Prinzip gar nicht unähnlich ist, Nur sieht der Moerser etwas anders aus. Man hat ihn zur Vorsicht schon 1908 in Kuxhaven tüchtig laufen lassen, ehe ihn der Kreis, wenige Jahre vor dem Krieg, übernahm.

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