Ent SCHULD igung

Entnazifizierung im Kreis Moers an zwei prominenten Beispielen

EntSCHULDigen Sie mich bitte !

von Hansfried Münchberg

80 Jahre ist das nun her, daß der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, daß das Nazi-Reich in die Knie gezwungen, das Land zerstört, die deutsche Nation moralisch zu Grunde gegangen war.

Der letzte Geschützdonner war noch nicht ganz verhallt, die Ruinen der zerbombten Häuser rauchten noch, hinten  im Garten kokelte  noch der kleine Scheiterhaufen mit den Resten des Hitlerbildes, der Hakenkreuzfahne, der braunen Uniformteile, die Oma hatte schnell noch den Ehrendolch und die Parteiabzeichen in den nahen Bach geworfen, da begann allüberall im Lande schon die „Säuberung“ der Biografien, das persönliche Entschulden, das Waschen der Hände in Unschuld.

Um weiter im vorher ausgeübten Beruf und Stand arbeiten zu können, musste man gegenüber den rasch eingerichteten Entnazifizierungskommissionen darlegen, daß man selbst ja gar nicht an der Knochenmühle des Nationalsozialismus beteiligt war, daß man allenfalls als unbedeutender Mitläufer nur das getan hat, was von einem erwartet wurde. Schnell war vor sich selbst eine Entschuldigung gefunden, schnell fanden sich auch Gleichgesinnte, die ihrerseits entschuldet werden wollten und nur zu bereitwillig auf Gegenseitigkeit dem Gegenüber die totale Harmlosigkeit zu attestieren bereit waren.

An zwei Beispielen aus unserem Altkreis Moers sei dies hier aufgezeigt.

Zwei „unbescholtene“ Bürger, keine brutalen Finsterlinge, wie man sie aus Hollywood-Streifen kennt. Nett, freundlich, umgänglich, der liebe Nachbar von nebenan.

So gaben sie sich nach den finsteren Jahren. Man hat doch nur getan, was erwartet wurde, niemandem etwas Böses gewollt. Allzu bereitwillig wurde ihnen von den ebenfalls mitgelaufenen Mitmenschen attestiert, daß sie gar nicht so schlimm waren.

Eine verbreitete Haltung in der Adenauer Zeit. Man war zwar vielleicht selbst nicht Mitglied der Nazi-Partei, hat nicht mitgemacht, aber man hat auch keinen nennenswerten Widerstand geleistet, hat vielleicht insgeheim mit der einen oder anderen Maßnahme sympathisiert, war froh, daß die Kommunisten endlich weggesperrt wurden, hat Vorteile daraus gezogen, daß die Jüdische Konkurrenz aus Moers verschwunden war. Oder aber, man hatte nähere Verwandtschaft, die mitgemacht hat. Was hat der Vater, der Bruder im Krieg gemacht, war er möglicherweise auch an den Greueltaten gegen die Bevölkerung beteiligt. Habe ich nicht selbst gesehen und weggesehen, wie die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter geschunden wurden ? Unterschwellig spielte das alles sicher mit, wenn die Bereitschaft zu Vergeben und zu Vergessen so groß war.

Man kannte den Einen oder Anderen aus der Nachbarschaft, dem Verein, der Moerser Sozietät, als Geschäftsinhaber, als Kollegen, man wollte diesen doch den Weg zurück in die Zivilisation nicht verbauen. Weitverbreitet war damals die Bereitschaft, sich selbst und auch den Anderen zu vergeben und zu vergessen.

Motto; Jetzt muss aber mal gut sein….!

Als Quelle dienten Berichte der Zeitung „Der Grafschafter“, Entnazifizierungsakten Bubenzer und Avemarie, sowie Dr. Bernhard Schmidt „Tatort Moers“

Dr. Karl Bubenzer

Ranghöchster „Goldfasan“ bis Kriegsende war der Tierarzt Dr. Karl Bubenzer, sein Eintritt in die Partei erfolgte schon im Oktober 1930 in die SA trat er 1934 ein (SA-Standartenführer ehrenhalber), von 1931 bis 1934 war er Leiter der NSDAP Ortsgruppe Repelen. Im Jahr 1940 wurde er beurlaubt (Bis 7/41) nach Norwegen, dort war Bubenzer als Berater der „National Sammling“ (Quisling-Partei) tätig.

NSDAP Kreisleiter

Dr. Karl Bubenzer, Foto „Der Grafschafter“ 27.1.1937

Seit 1934 fungierte er als NSDAP-Kreisleiter, 1939 rückte er als Mitglied in den deutschen Reichstag. Im Juli 1942 wurde er zum Landrat des Altkreises Moers ernannt. Bubenzer pflegte nach außen hin das Bild des „netten Nazi“, stets volksnah und jovial auftretend, er gab gerne den „Karl von Baerl“. Angelegentlich eines Empfangs für Soldaten auf Heimaturlaub bewirtete er diese mit Cognac, requiriert aus dem besetzten Frankreich, gab auch gerne einmal eine Runde Zigarren aus. Bedürftige Moerser freuten sich über die Spende eine Radiogerätes, Bubenzer hatte eine ganze Ladung davon aus dem besetzten Norwegen „organisiert“. Möglicherweise beschlagnahmt bei inhaftierten oder vertriebenen Norwegern.

„Der Grafschafter“ 16.10.1940

Der ehemalige Kreis-Syndikus Dr. Herschel, der später auch einen „Persil-Schein“ für Dr. Bubenzer ausfertigte, belastete diesen in seinem eigenen Entnazifizierungsverfahren mehrfach.

Abb. Schreiben des Rechtsanwalts Idel vom 18.5.1949 in der Entnazifizierungssache Dr. Herschel (Kreissyndikus)

Abb. Entnazifizierungssache Dr. Herschel (Kreissyndikus), Aussage Dr. Herschel

Aus Entnazifizierungssache Dr. Herschel, Schreiben Dr. Herschel vom Juli 1946

Als Beispiel seiner Haltung sei hier an Schreiben angeführt in dem er im Zusammenhang mit der Progromnacht an einen Herrn Ingenlath aus Rheurdt schreibt: „Wenn in der Versammlung in Rheurdt auch der Name ihres Bruders genannt wurde unter den Volksgenossen, die heute noch zum Judentum Beziehungen unterhalten, so ist es wohl verständlich, wenn angesichts der Empörung, die über die feige Mordtat in der Bevölkerung herrschte, diese auch zu Aktionen gegen derartige Volksgenossen schritt. In Ihrem Schreiben bestätigen Sie ja selbst, daß auch ihr Bruder noch wirtschaftliche Beziehungen zu dem Juden Cohn unterhielt. Ihr Hinweis, das Cohn der einzige Tierarzt am Orte war, bedeutete in diesem Falle nichts, da es sich ja nur um wenige Bauern handelte, bei denen der Jude Cohn seine Praxis ausübte, während der größte Teil der Bauern schon seit Jahren von Cohn, welcher als übler Vertreter es Judentums bekannt war, Abstand genommen hatte.„

Weiter führt er aus:

„Wer angesichts der Welthetze des Judentums in den letzten Jahren noch Beziehungen zu den Juden unterhält, der hat das Recht verwirkt, sich zu den anständigen deutschen Volksgenossen zu zählen und muss daher bei derartigen Volkkundgebungen damit rechnen, daß die Volksgenossenschaft gegen ihn Front macht. So auch im Falle ihres Bruders. Hierfür ist weder der Ortsbürgermeister, der Redner noch die Partei für verantwortlich, sondern hat sich ihr Bruder dieses selbst zuzuschreiben.„

Abb. Ausschnitt aus einem Schreiben Bubenzer an den Gefreiten Ingenlath vom 25.11.1938


Ein weiteres Beispiel der Gesinnung des Kreisleiters Bubenzer bringt die Zeitung „Der Grafschafter“ am 11.11.1938, nach der Progromnacht in Moers.

Hier der Text:

Neun Großkundgebungen in Moers gegen das Judentum

Im Kreise Moers fanden gestern neun große Kundgebungen statt, in denen die erbitterte Bevölke­rung über das Treiben des Judentums aufgeklärt wurde.

(Über die antijüdischen Aktionen im Kreise Moers siehe im politischen Teil).

Der Andrang zur großen Massenkundgebung im Schäferschen Saale in Moers war so stark, daß eine Parallelversammlung bei Steinschen eingelegt wer­den mußte.

.. nahm anschlie­ßend Kreisleiter Dr. Bubenzer das Wort, um ebenfalls in gründlicher und männ­licher Art mit dem Judengesindel abzurechnen. An neun Stellen des Kreises seien Kundgebungen an­gesetzt worden, um mit aller Schärfe die Ver­brechermethoden zu brandmarken. Einleitend stellte der Kreisleiter fest, daß die Juden niemals Grund gebhabt hätten, über ihre Behandlung zu klagen.

Die Folge sei aber gewesen, daß der Jude in den letzten Jahren frecher und frecher wurde. Nachdem nun ein polnischer Judenlümmel den Meuchelmord in Paris verübt habe, sei es mit der Langmut und Geduld des deutschen Volkes vorbei. So seien die Demonstrationen in diesen  Tagen in Deutschland nur allzu„verständlich, Ueberall im deutschen Vaterlande habe man jetzt die Zeichen des Juden ausgemerzt.So wie man  im Kreise Moers die fünf Synagogen ausgemerzt  habe, sei es im ganzen Deutschland geschehen. In ihrer Erbitterung hätten die deutschen Volksgenossen auch Schluß gemacht mit sämtlichen jüdischen Geschäften. Damit seien die Aktionen vom Volke aus aber auch beendet Und er mache alle darauf aufmerksam, daß der bestraft werde der jetzt noch irgendeine Aktion auf eigene Faust unternehme. Auch im Kreise Moers habe man sämtliche Juden verhaftet. Und die Jüdinnen dürften ihre Wohnung nicht verlassen. In scharfer Form rechnete der Kreisleiter in diesem Zusammenhang auch mit den Judendknechten ab, denen er sagte, daß sie in Zukunft streng zur Verantwortung gezogen würden. Man werde auch die Geschäfte kennzeichnen, die von einem Juden gepachtet worden seien, damit jeder Volksgenosse wisse, wer noch mit Juden in geschäftlicher Verbindung stehe. Nun habe das Volk gesprochen und der Führer werde jetzt handeln. Das deutsche Volk habe Disziplin zu halten und werde es dem Führer überlassen, wie er den Tod des Kameraden von Rath rächen werde.


Bubenzer kam 1945 in Kriegsgefangenschaft, interniert zuletzt in den Lagern Dachau sowie in Recklinghausen, aus welchen er 1948 mit der provisorischen Einstufung „Minderbelastet“  entlassen wurde. Einige Monate später wurde er wegen Zugehörigkeit zur Gruppe der politischen Leiter der NSDAP zu einem Jahr und 10 Monaten Gefängnis verurteilt. Die Strafe galt durch die Internierungshaft abgegolten.


„Ich war doch gar nicht so schlimm“!

Zu seinem Entnazifizierungsverfahren bot Bubenzer eine ganze Reihe Zeugen auf, vorwiegend aus dem konservativen „Zentrum“, die ihm gerne bescheinigten, er sei gar nicht so schlimm gewesen, habe sich sogar für den Einen oder Anderen eingesetzt, wenn diese Schwierigkeiten mit Partei oder Gestapo gehabt hätten. So gaben u.a. eidesstattliche Erklärungen ab:

Dr. Durben, Zentrum: „Er war nach meinem Ermessen durchaus tolerant und gerecht Andersdenkenden gegenüber. Ihm allein verdanke ich es dass ich im Anschluss an die Ereignisse vom 20 Juli 1944 nicht verhaftet wurde.“

Jak. Terheyden Rektor Kastellschule ,Zentrum: „Während des  Krieges benutzte ich mit meiner Familie in letzter Zeit bei Fliegeralarm den Bunker am Landratsamt, da ich neben dem Amt wohnte.Doktor Bubenzer war hier und sonst meine Familie und mir gegenüber stets korrekt und hilfsbereit. Trotzdem er wußte, daß ich nicht zur NSDAP gehörte.“

Ernst Holla, Zentrum: „Der frühere Kreisleiter der NSDAP, Doktor Karl Bubenzer, ist mir als hilfsbereiter Mann bekannt. Trotz seiner Stellung hat er viele Bewohner des Kreises  aus großer Bedrängnis befreit, wenn dieselben aus irgendwelchen politischen Gründen angezeigt worden waren.“

Ferdinand Peus, Gymn. Adolfinum: „Man konnte bei ihm durchaus den Eindruck haben, dass er sich allgemein Mühe gab, als Landrat und Kreisleiter möglichst allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Sicher er war ein Kreisleiter, den man als solchen fürchten musste Aber dabei hatte er andererseits so echt menschliche Eigenschaften, wie man sie damals wohl kaum bei einem anderen Kreisleiter finden konnte.“

sein „Zeugnis“ sei hier als Beispiel von Vielen abgebildet.

Ebenso entlastet wurde Bubenzer durch den ehemaligen Kreissyndikus Dr. Herschel, von dem bei Kriegsende die Anweisung an die Behörden erging, belastende Akten zu vernichten. Dieser hatte Bubenzer allerdings in seinem ihn selbst (Herschel) betreffenden Entnazifizierungsverfahren in verschiedenen Punkten belastet. (vergl. Dr. B. Schmidt „Tatort Moers“)

Meldung aus „Der Grafschafter“ 14.2.1934

Nicht als Entlastungszeugen

gehört und angeführt werden konnten allerdings die ehemals in Moers lebenden Juden. Von den bei Beginn der Hitler-Herrschaft in Moers lebenden Menschen jüdischer Abstammung haben nur wenige diese Zeit überlebt. Die ersten Juden wurden im Dezember 1941 abtransportiert, bereits im Juli 1942 konnte Bubenzer stolz Moers als „Judenfrei“ nach Berlin melden.

Die von 1935 bis 1945 zwangssterilisierten Menschen wurden ebenfalls nicht als Be- oder Entlastungszeugen befragt, beispielsweise durchlitten dies im Krankenhaus Bethanien in Moers mehr als 300 Personen.

Ebensowenig konnten die 20 000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen als Entlastungszeugen befragt werden, die im Altkreis Moers als Arbeitssklaven schuften mussten, teilweise wurden sie zu Tode geschunden. Mehr als 900 von ihnen fanden in den KZ-ähnlichen Lagern der Kamp-Lintforter Zeche Friedrich Heinrich, den Rheinpreußen-Schächten, bei Krupp in Rheinhausen und in der Landwirtschaft den Tod. Einige kamen bei Bombenangriffen um, weil sie nicht mit den deutschen „Volksgenossen“in die Bunker durften.

„Der Grafschafter“ 29.7.1944 – Wenige Tage, bevor er sich aus dem Staub machte – Durchhalteparolen

Aus den Entnazifizierungsakten:

Entnazifizierung Bubenzer

Bubenzer Karl Tierarzt  Buschstraße 169  Moers – Repelen

lt. eigener Angabe

NSDAP  1.10.1930 – 1945  Kreisleiter

SA  1934 – 1945  Standartenführer

DAF  1934 – 1945

NS – Ärztebund    1934 – 1945

NS Altherrenbund

Reichskriegerbund 1938 – 1945

Deutsche Christen Bewegung  1932 – 1936

Deutsche Jägerschaft 1933 – 1945

DRK 1933 – 1945

Reichsluftschutzbund 1933 – 1945

Reichstierärztekammer 1933 – 1945

Befund Entnazifizierungskomitee Hauptausschuss  26.4.1950  „Kategorie III (Minderbelastet) – Kann in seiner Stellung als Tierarzt belassen werden und als Fleischbeschauer zugelassen werden

Dr. Bubenzer lebte nach dem Krieg weiter in Moers, praktizierte als Tierarzt und wurde 1973 vom Verein ehemaliger Adolfiner zum Ehrenmitglied ernannt.

Ein weiteres Beispiel: Dr.Dr. Avemarie

Als weiteres Beispiel der Reinwaschung, ja sogar der nachträglichen Hochstilisierung zum Gegner und Opfer des Nationalsozialismus sei hier der damalige Direktor des Julius-Stursberg-Gymnasiums in Neukirchen angeführt.

Dr. Dr. Friedrich Avemarie, trat der NSDAP 1933 bei. 

Zeitweise war er Ortsgruppenleiter in Neukirchen.

Er war förderndes Mitglied der SS (Silberne Ehrennadel)

hat dies in seinem Entnazifizierungsverfahren allerdings selbst nicht angegeben.

Das Neukirchener „Julius-Stursberg-Gymnasium“ die Wirkungsstätte Dr.Dr. Avemaries auf einer Aufnahme der Jubiläumsschrift 1957

Avemarie verfasste und veröffentlichte Lebensbilder von Hitler, Mussolini, Schlageter und Horst Wessel.

Gerne schrieb er Artikel zu dem von ihm bewunderten Mussolini in der Zeitung, so zum Geburtstag des Duce 1933 unter dem Gedanken „Männer die Geschichte machen“

In der örtlichen Zeitung „Der Grafschafter“ veröffentlichte Avemarie hin und wieder seine Gedanken zur Erziehung der Jugend im dritten Reich. So beginnt zum Beispiel Ende April 1933 (27. /28./29.) unter der Überschrift Die neue deutsche Schule im dritten Reich“ einer seiner Artikel mit dem einführenden Satz: „Die legale nationale Revolution ist geboren aus einer Krise unseres völkischen Daseins. Wir sind ein Volk ohne Raum, d. h. mit verknapptem Lebensraum, und darum ist unsere Existenz aufs ernsteste bedroht. Zur Behebung dieser Not größten Ausmaßes muß ein neues Menschentum emporgezüchtet werden. Denn das liberalistische Bürgertum und die marxistische Arbeiterschaft, beide geeint in dem sogenannten System oder Zwischenreich von Weimar, haben keine Lebensformen zu ihrer Ueberwindung zu gestalten vermocht. Neue Ordnungen müssen das vorhandene begrenzte Berufsfeld so aufgliedern, daß trotz aller Enge der Arbeiter, Bürger und Bauer Erwerb und Unterhalt finden. Eine neue Weltanschauung, die des nationalen Sozialismus und des sozialen Nationalismus, muß den neuen Volksbürger ausprägen, der als Träger des dritten Reichs diese beiden neuen Prinzipien im völkisch geschlossenen Staat zum endlichen Siege führt.“ In dieser Geisteshaltung geht der Aufatz über etliche Seiten weiter.

Als Direktor eines evangelischen, vom Missionsverein getragenen, Gymnasiums konnte er nicht umhin auch die religiöen Bezüge zu erwähnen: „Das Programm der NSDAP. bekennt sich zum positiven Christentum“. Der Reichskanzler hat in seinen Rundfunkreden wiederholt sein Gottvertrauen und seine tiefe Ehrfurcht vor allem Heiligen bekundet. Die Rechte der Kirche, also auch ihr Anspruch auf Erteilung des Religionsunterrichts durch Pfarrer und Lehrer sind als unantastbar anerkannt worden.“

Artikel in „Der Grafschafter“ 18.9.1933

Zum Ende betont Avemarie: „Neben Rasse und Zucht gehört der Wehrgedanke zur neuen pädagogischen Grundlegung.“ oder: „ich als Einzelner, als Glied und Teil bin für mein Volk da und habe dem Ganzen zu dienen in treuer Pflichterfüllung bis zu Todesbereitschaft. Stirbt Deutschland, sterbe ich auch“. Das Parteiprogramn drückt diese neue Haltung mit dem knappen Satz aus, der eine politische und sittliche und religiös Weisheit enthält: Gemeinnutz geht vor Eigennutz!“

Auch zu Fragen der Reinhaltung der Rasse nahm er gerne Stellung, so zum Beispiel in einem Vortrag in der Schule im Jahr 1936, so berichtet „Der Grafschafter“:

„Im Mittelpunkt stand die Frage der Vererbung und der Erbgesundheitspflege. Studiendirektor Dr. Dr Avemarie unterrichtete einleitend über die derzeitige Lage und führte die Schulgemeinde in das Wesen der Begriffe Rassenlehre und Rassenhygienie“ oder Eugenik“ ein. Er unterstrich die Bedeutung im Blick auf die Gesetzgebung des Staates und die zu lösenden völkischen Aufgaben. Zur Ueberleitung zum Vortrag brachte er einiges aus Hitlers Mein Kampf“ über die Pflicht, das Blut rein zu erhalten und das Kind als kostbares Gut der Nation zu schützen, zur Verlesung. Der Erbkranke müsse erkennend und schweigend verzichten, der Erbgesunde freudig opfern und geben“

In einer von ihm verfassten Broschüre lässt sich Avemarie über „Mutter und Volk“ aus.

„Im Jahre 1932 hatte ich im Rheinlande vor Kaufleuten einen Vortrag zu halten, den ich unter dem Thema: Am Sterbelager der deutschen Volksseele“ ankündigte. In der auf mein Referat folgenden Aussprache wurde bemängelt, daß ich die Zersetzung“ der deutschen Familie zu schwarz geschildert hätte. Man könnte von „Verelendung, Auflösung“, Bolschewisierung“ auf diesem Lebensgebiet im Ernst doch nicht reden.

Heute sind wir endlich sehend geworden. Wir standen am Rande eines Abgrundes. Die Krisis“ der Ehe“ und Dämonie der Liebe“ hatten den Verfall der deutschen Familie tatsächlich im Gefolge. Unsere Bevölkerungsstatistik redet eine sehr ernste Sprache. Unsere Geburtenziffer hat den niedersten Stand seit 100 Jahren erreicht.

Die Zukunft der Nation ist gefährdet. Wir drohen zu vergreisen. Uns fehlt der Wille zum Kind. Wir haben eine zu große Zahl kinderscheuer kinderloser Ehen. Polen, Tschechen, ja selbst die“entarteten“ Franzosen haben uns durch ihren größeren Geburtenüberschuß bereits überflügelt.

Die deutsche Familie ist die Keimzelle des Volkes. Erkranken diese Zellen, dann verdorrt das ganze Gewebe.

…. Nach des Führers Worten sind die Frauen neben den Kindern der kostbarste Schatz einer Nation; das Ideal ist nicht die alte, ehrbare Jungfer, sondern die deutsche Frau, die starke Männer zur Welt bringt. Aber der Geschlechtstrieb darf nicht wie in den letzten 14 Jahren entarten ….

… Da und dort sind sie sogar soweit erniedrigt, daß ein Tummelplatz für untermenschliche Begierden daraus geworden ist.

Ehenot ist eine rassische Not. Naturwidrige Mischehen und das Fehlen der eugenischen Belehrung unserer ehemündigen Jugend verursachen Spannungen und schädigen ein Volk in seiner ureigentlichen Art.

Ein Querschnitt durch das Sittenleben der“besseren Stände“ in der Nachkriegszeit, das Wochenend-Treiben, das Eingehen von Zeit-, Probe-, Kameradschafts-, Geschwister-Ehen oder Ehen zu Dritt, die Schundbilder und Schundzeitschriften aus den letzten 14 Jahren der sogen. Scheidungs-Hotels“ in den Großstädten, das Ideal der Diva“ und des Luxusweibchens“, diese und schlimmere Erscheinungen beweisen die Entartung in den bürgerlichen Kreisen. Die Ehe war zum Jazz geworden. Man tanzte hinein und brach das Vergnügen“ nach Belieben wieder ab. Wen wundert’s, wenn 6 Millionen deutscher Menschen an der Lustseuche“ erkrankten und die erste nationale Pflicht frevelhaft mißachteten., dem Volke reine Leiber zu erhalten!

Es bleibt als ein Regierung der nationalen Revolution für alle Zeiten bestehen, daß sie diesem volkszerstörendem Treiben Einhalt gebot und unsere deutsche Kultur vor der gänzlichen Auflösung bewahrte.

Unsere Erziehung muß mehr auf Frauentum, Ehe und Familie abgestellt werden. Wer Mädchen erzieht, hat größte Veranwortung, muß Vestalinnen heranbilden, die heiliges Feuer auf dem heimischen Herd hüten, Wächterinnen deutschen Glaubens und deutscher Sitte sind und dem Vaterland eine starke, zuchtvolle, fromme Jugend schenken. Mussolini hat vor einigen Jahren einen schlichten Bäckermeister namens Luigi Sperandin anläßlich der Geburt seines 16. Kindes in 20jähriger Ehe geadelt. Elternschaft adelt alle mal!“

Weiteres Schrifttum von Dr.Dr. Avemarie war zum Beispiel

„Deutschlands Ringen um Ehre und Freiheit vom Weltkrieg bis zum nationalsozialistischen Sieg“,

oder

„Adolf Hitler, der Weg des Führers von Braunau nach Berlin“;

„Horst Wessel“, 

„Benito Mussolini“,

„Schule in Not“,

„Unsere Lufthelden im Weltkrieg“,

  einen Monat vor den Novemberpogromen veröffentlichte Avemarie in der Zeitschrift „Auf der Warte“ seinen extrem antisemitischen Aufsatz

„Adolf Stoecker und die Juden“

um nur Einige zu nennen.

Nach Kriegsende wurde Avemarie zunächst aus dem Schuldienst entfernt, betrieb aber bereits ab Dezember 1946 seine Entnazifizierung mit dem Hinweis, er habe zwar Anfangs geglaubt, der Nationalsozialismus würde der christlichen Weltanschauung im Kern nicht widersprechen, im Laufe der Jahre aber, etwa ab 1935 immer mehr abgerückt von den Ideen des Nationalsozialismus, ja habe diesen sogar in Wort und Schrift bekämpft.  Seine Publikationen seien ihm abhanden gekommen, er könne sich auch gar nicht mehr erinnern, was er da im Einzelnen publiziert habe.

In seinem Entnazifizierungs – Antrag behauptet er, er sei „unfreiwillig“ Mitglied der NDAP geworden und habe „nach Maß einer Kräfte Widerstand geleistet und er habe dadurch erhebliche Nachteile erlitten.

Auch wäre die eine oder andere Schrift seitens der Nazis gegen ihn ausgelegt worden.

Nur durch den Schutz des Neukirchener Bürgermeisters Neumann sei er nicht in Haft genommen worden, den er auch später als Entlastungszeugen angibt. (Neumann war der erste NSDAP – Bürgermeister in Preußen).

Im Gegenzug bescheinigte Avemarie dem Bürgermeister Neumann, er sei gar nicht so ein schlimmer Nazi gewesen. Noch in einer Festschrift des Gymnasiums aus dem Jahr 1955 schreibt Avemarie,  Neumann habe stets seine schützende Hand über die Schule gehalten.

Avemarie führte zu seiner Entlastung zahlreiche Zeugen an, darunter auch Pfarrer Vowe, Peus Ferdinand Rel.-Lehrer Adolfinum (siehe Abbildung Entlastung Dr. Bubenzer), Neumann Erich  ehem. Bürgermeister, Handick Hans ehem. Ortsgruppenleiter, Stursberg Richard  ehem. Ortsgruppenleiter, Dr. Wilhelm Marx  Adolfinum, Rudolf Köhler Haus Elim

„Persilschein“ für Dr.Dr. Avemarie durch Lehrer Peus, Moers

Als weitere Entlastungszeugen benennt Avemarie auch Mitglieder des Lehrkörpers, darunter befand ich z.B. auch der Latein- und Religionslehrer Immel, der seiner Legende nach aktiv in der „bekennenden Kirche“ im Widerstand, allerdings in seinem früheren Leben auch SS-Oberscharführer war ( natürlich gar nicht aktiv selbst zur SS gekommen, sondern sozusagen zwangsweise über den Umweg als Flak-Helfer)

Nachdem Dr.Dr. Avemarie  vom Entnazifizierungsausschuß als „minderbelastet“ eingestuft war, wurde dieser Einschätzung vom damaligen Oberschulrat Kruse widersprochen  – „Avemarie wird zu milde bewertet, Propagandaschriften kann ich besorgen…“, weiter schreibt Oberschulrat Kruse: „… aber er konnte auch anders. Avemarie war der typische Mitläufer, welche Motive ihn bestimmten, das mag dahingestellt bleiben, vielleicht hat ihn auch Ehrgeiz bestimmt.. ….es ist nicht tragbar, daß er wieder Schulleiter und gar an seiner eigenen früheren Schule wird.“

Weiter zitiert Kruse aus alten Akten: „ gemäß Gutachten der NSDAP unter dem 17. Dezember 1940  -“Gegen den Schulleiter Dr. Dr. Avemarie bestehen in politischer Hinsicht keine Bedenken.“

Trotz dieser Einsprüche des Oberschulrates wurde Avemarie wieder eingestellt und wurde als Schulleiter eingesetzt und blieb das bis 1956.