Bomben auf das Utforter Rathaus

MOERS

FAKTEN & HINTERGRUND

Als Bomben auf das Utforter Rathaus fielen

Vor 80 Jahren, am 25. Oktober 1944, wurde bei einem Bombenangriff das Utforter Rathaus schwer getroffen.

Das Rathaus Utfort als Bergamt im Jahr 2012. 

FOTO: HANSFRIED MÜNCHBERG

VON HANSFRIED MÜNCHBERG

MOERS | Der Zweite Weltkrieg ging vor 80 Jahren, in diesen Oktober-Tagen, in seine entscheidende Phase. Die Alliierten waren Mitte September 1944 bereits in Arnheim in schwere Kämpfe verwickelt, um einen Übergang zur rechtsrheinischen Seite zu ermöglichen. Davon erzählte später der viel gesehene Kriegsfilm „Die Brücke von Arnheim“. Auch im Raum Aachen tobten schwere Kämpfe. Die Zeitungsseiten jener Tage waren voll mit Todesanzeigen, die mit dem Wehrmachtskreuz versehen waren. Die örtliche Zeitung aus dem Moerser Pannen-Verlag „Der Grafschafter“ titelt am 20. Oktober 1944: „Vor dem Großangriff auf den Niederrhein“.

Unser beschauliches Moers war schon seit vier Jahren Ziel der britischen und amerikanischen Bomberflotten, die regelmäßig Angriffe flogen auf die Schachtanlagen Rheinpreußen, zuvorderst aber auf die Chemischen Werke in Meerbeck – alten Moersern immer noch unter dem Begriff „Die Treibstoff“ bekannt –, da dort nach dem Fischer-Tropsch-Verfahren aus Kohle auch das kriegswichtige Flugbenzin hergestellt wurde. Ein zwar sehr aufwendiges und teures Verfahren, aber wohl wichtig für die deutsche Luftwaffe. Die dort durch die Kohleverflüssigung erzeugten Mengen sind nicht genau zu beziffern, die Angaben schwanken zwischen 50.000 und 75.000 Tonnen jährlich. Darum war wohl dieses Chemiewerk ein bevorzugtes Ziel.

Nach einer Aufstellung der University of Michigan – „The United States Strategic Bombing Survey“ – wurden zwischen März 1940 und März 1945 insgesamt 41 Bomber-Angriffe auf das Werk geflogen. Im Werk wurden 328 Bombentreffer gezählt, 165 Blindgänger fanden sich auf dem Werksgelände. Angaben über die „Streuverluste“ außerhalb des Ziels sind nicht bekannt. Ein oft angeführtes Attrappen-Werk aus Dachlatten, Stoff und Beleuchtung im Binsheimer Feld konnte die Alliierten nur kurz täuschen.

Das Utforter Gebiet war sozusagen die Haupteinflugschneise der Bomber. Die Bombenschützen trafen damals noch nicht so zielgenau wie heute, sodass die Bombenlast oft schon vor dem eigentlichen Ziel aufschlug. Manchmal flogen die Bomber aber auch über die Treibstoffwerke hinaus, sodass auch der Baerler Busch von Bombentrichtern übersät ist. Auch die Bahnlinien wurden schwer bombardiert. Der sogenannte „Tote Damm“ war in der Nachkriegszeit von Bombentrichtern durchlöchert.

In der alliierten Einflugschneise, von Nord nach Süd durchquert von der Rheinberger Straße, lag unglücklicherweise auch das Utforter Rathaus. Dieser repräsentative Bau, am 20. April 1912 feierlich eingeweiht, war prachtvoll und vergleichsweise groß für eine Landgemeinde. Eine in der regionalen Zeitung „Der Grafschafter“ veröffentlichte Zeichnung zeigt das mächtige Gebäude. Leider blieb die Pracht nicht lange erhalten.

Bei einem Angriff in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1944 wurde das Rathaus bedeutend geschädigt, am 27. August wurde der südliche Teil des Rathauses schwer getroffen. Der folgenschwerste Angriff erfolgte jedoch vor nunmehr 80 Jahren, am 25. Oktober 1944. Der nördliche Teil des Utforter Rathauses wurde durch Bombentreffer schwer beschädigt. Bei dem Angriff kamen 23 Menschen, die sich im Rathaus aufgehalten hatten, ums Leben. Das prominenteste Opfer, der damalige Bürgermeister der Gemeinde Albert Altwicker, hatte genau an diesem seinem Todestag sein zwanzigjähriges Dienstjubiläum feiern können.

Bürgermeister Altwicker war ein Mann, der durch stramm am Nationalsozialismus orientierte Reden und auch Handeln aufgefallen war. Er war Chef der Verwaltung und auch gleichzeitig Chef der Ortspolizeibehörde.

Die Moerser Stadtarchivarin bescheinigte ihm kürzlich in einer Stellungnahme (2023): „Altwicker dokumentierte u.a. Inschutzhaftnahmen, erfolgte Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen. In seiner Funktion als Leiter der Ortspolizeibehörde meldete er dem Landrat über Festnahmen, u.a. von „führenden Persönlichkeiten der K.P.D.“, die Durchführung eingeordneter Maßnahmen z.B. gegen Kommunisten oder Sozialdemokraten wie Hausdurchsuchungen sowie über erfolgte Freilassungen von in Schutzhaft genommenen Personen.“ (Anmerkung: Maßnahmen, die er wohl selbst als Polizeichef veranlasst hatte)

Eine Meldung des „Grafschafter“ vom 28. Oktober 1944 macht mit der Zeile auf: „Unter dem Terror der Mordpiloten – Bürgermeister Altwicker gestorben“, vergaß dabei aber fast, die 22 weiteren Opfer zu erwähnen.

Luftaufnahmen, die kurz vor Kriegsende von Aufklärungsflugzeugen der Amerikaner zur Kontrolle der Effektivität ihrer Angriffe gemacht wurden, zeigen, dass besonders das Gebiet zwischen Fünderich im Süden und Utforter Rathausallee im Norden, westlich vom Moersbach begrenzt, von Bombentrichtern übersät war. Alte Utforter erzählen, dass oft Blindgänger an den Straßenrändern lagen. Nach dem Herausschrauben der Zünder wurde, so erzählten sie, der Inhalt der Bomben von den Utforter Bauern als Düngemittel auf den Feldern verteilt.

Insgesamt wurden über dem Gebiet Repelen-Baerl, wie die Gemeinde Rheinkamp damals noch hieß, 200 Luftminen, 9500 Sprengbomben und 52.000 Brandbomben abgeworfen. Aus den erhaltenen Akten der Gemeinde ergibt sich eine Schadensbilanz an den Gebäuden. Von diesen waren 2301 Wohnungen zu 25 Prozent, 725 Wohnungen zu 50 Prozent, 329 zu 75 Prozent zerstört, 733 Gebäude trugen Schäden von 75 bis 100 Prozent davon. Zwei der Volksschulen waren vollständig zerstört, drei waren unbenutzbar, und auch die restlichen sechs Volksschulen wurden beschädigt.

Auch in den Nachkriegsjahren wurden immer wieder Blindgänger gefunden und mussten entschärft werden. Ganz frisch in Erinnerung: die Evakuierungen der Utforter Bevölkerung kurz vor der Bebauung des Edeka-Geländes.

Insgesamt waren im Kreis Moers infolge des Weltkriegs 1600 Tote zu beklagen, davon 414 in Rheinkamp und 300 in der Stadt Moers. Von den während der Bombenangriffe getöteten Zwangsarbeitern im Chemiewerk (die die Schutzräume nicht aufsuchen durften), liegen keine genauen Zahlen vor.

Dieses Gedenken an die Ereignisse vor 80 Jahren sollte uns Mahnung sein, alles zu tun, um den Frieden zu erhalten!

Der Autor dieses Gastbeitrags ist Maler und Grafiker aus Moers und beschäftigt sich regelmäßig mit der jüngeren und älteren Moerser Geschichte.
Quelle: Deutsches Zeitungsarchiv, Zeitpunkt.nrw, Der Grafschafter, Chronik der Gemeinde Rheinkamp

  • Das Rathaus Utfort als Bergamt im Jahr 2012. Foto: Hansfried Münchberg
  • Das Rathaus Utfort in einer Zeichnung aus dem „Grafschafter“ vom 22. April 1912. Foto: Hansfried Münchberg

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